German Steampunk Authors: Lucas Edel / Chris Schlicht

Im Rahmen der Aktion „Steampunk Hands Around The World“ stelle ich Euch in diesem STEAMPUNK-Monat u.a. deutsche Steampunk-Bücher, -Projekte und -Autoren vor.

SPHATW

 

Heute im Interview: Chris Schlicht und Lucas Edel. Zusammen mit Carsten Steenbergen haben sie das Projekt Agnosia ins Leben gerufen, dass ich hier im Blog vorgestellt habe und zu dem es hier eine Leseprobe gibt.

Warum fasziniert dich Steampunk so sehr, dass du ein Buch in diesem Genre geschrieben hast?

Lucas: Ich könnte jetzt mit unglaublich klugen Worten wie „alternative Geschichtsschreibung“, „Retro-Futurismus“ oder „Kurt Lasswitz“ um mich werfen. Tu ich

Lucas Edel

Lucas Edel

aber nicht.

Steampunk ist einfach nur eines: Ein Heidenspaß.  Klar kann man um dieses elegante Kunstwort Philosophie, Lebensweise und Erkenntnistheorie schlingen, wie Girlanden um eine Heldenstatue.

Im Endeffekt ist es aber eine Spielwiese auf der sich die Ansichten der Generation des 21. Jahrhunderts in romantisierender Weise tollen können. Allen eskapistischen Beweggründen gemein ist meiner Meinung nach der Wunsch nach der „guten alten Zeit“, in der die Welt noch überschaubar war.

Heutzutage sind wir mit Technik konfrontiert, die wir als Normalbürger nicht mehr verstehen können, nur bedienen. Hinzu kommt das unpersönliche, sterile Äußere der Maschinen um uns. Sie entbehren jeder Lebendigkeit. Betrachtet man das Design so mancher Stahlkonstruktion, in der Rosenblüten und Blätter im 19. Jahrhundert zu einem z. B. Gartentor verwoben wurden und im Vergleich dazu die Einheits-Gartenpforte „Edenglück“ aus einer rostfreien Alu-Kunstholz-Mischung mit einer Startauflage von 200 Stück für jeden Baumarkt auf der nördlichen Hemisphäre, dann verstehe ich den Wunsch der Steampunker sich zurückzuwünschen in eine Zeit, in der die Worte „einmalig“ und „herausragend“ eine tiefschürfende Bedeutung hatten.

Es ist aber auch der Umgang miteinander. Man zog sich gut an, sprach eine geschliffene Sprache, respektiere und achtete einander (ich weiß, abgesehen von Kolonialismus und Völkerschauen).

Uhrwerk Venedig

Uhrwerk Venedig

Vor zwei Jahren dann legte ich mit „Uhrwerk Venedig“ daher auch die erste deutschsprachige Clockpunk-Anthologie vor, die dem Steampunk als Vorgeschichte dient. Eine Renaissance, in der die Welt von Zahnrädern und Federn betrieben wurde.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Nase-Rümpfer auftauchten und sich darüber mokierten, warum denn nun „schon wieder ein neues Genre erfunden werden müsse“. Eine Haltung, die mir nur ein mitleidiges Lächeln entlockte.

Genau darum fasziniert mich Steampunk. Es bringt wieder ein bisschen Kontroverse ins Mutter-Genre Science-Fiction, dass sich in Wahrheit schon selbst erlebt.

Chris: Steampunk fasziniert mich, weil es ein so weites Feld ist, das man beackern kann und das nicht nur in Schrift und Bild lebendig ist, sondern auch gelebt wird. Sei es nun im

Chris Schlicht (c) Michael Below

Chris Schlicht (c) Michael Below

Kleidungsstil, dem Verhalten oder in handwerklichen Produkten (so habe ich das Nähen wieder für mich entdeckt, wenn ich auch an der Nadel nicht gerade eine Koryphäe bin. Es macht Spaß, etwas selbst zu machen.).

In einen Roman umgesetzt habe ich die ganzen Bilder und das Wissen um die Geschichte der Stadt, für die ich beruflich tätig bin – zum Teil auch denkmalpflegerisch – und überhaupt der Region, in der ich lebe und in der ich aufgewachsen bin.

Was hat dich für Steampunk begeistert? Gab es ein Aha-Erlebnis oder ein Buch, das dir den Einstieg gegeben hat?

Lucas:  Gute Frage. Ich glaube mein Zugang war gar nicht so sehr über Jules Verne und Mitstreiter, sondern eher die verspielte Art, wie sich die Japaner durch Animes a la „Steamboy“, „Last Exile“ oder „Fullmetal Alchemist“ dem Genre näherten.

Lucas Edel in seine Arbeit vertieft

Lucas Edel in seine Arbeit vertieft

Was mich am Steampunk fasziniert sind die gesellschaftlichen, psychologischen und philosophischen Parallelen der industriellen Revolution zur digitalen Revolution unserer Tage. Es ist sagenhaft, wie sehr sich gewisse Dinge ähneln.

Da ich auch an einigen non-fiction Projekten arbeite hab ich im Herbst 2012 leider irgendwie den Kontakt zu Steampunk verloren, bis eines Tages eine Mail in meinem Postfach landete mit dem Hinweis auf das Buch von Alex Jahnke und Marcus Rauchfuß. Titel: „Steampunk kurz & geek“. Ein tolles Werk und jedem wärmstens empfohlen, der sich in das Thema einlesen möchte. Witzig und informativ. Da war ich dann wieder voll drin und wusste: ich muss meinen Beitrag leisten! Das Projekt „Agnosia“ war geboren.

Chris: Den Ausschlag gegeben hat ein Kurzgeschichten-Wettbewerb, der das Thema „Steampunk“ hatte. Ich wusste nicht, was das sein sollte und habe ein bisschen gegooglet. Zeitgleich habe ich für einen Cthulhu-Quellenband Illustrationen zu einem Luftschiffhafen gemacht und bin dabei über das Bild der brennenden Hindenburg gestolpert, was mir die Idee zu einer passenden Geschichte eingab. Immerhin gab es den dritten Preis dafür.

Einstieg oder Auslöser sind bei mir immer Bilder, die neue Bilder produzieren und die dann auf Papier müssen.

Hast du ein Steampunk-Lieblingsbuch und/oder einen -Film?

Lucas: Ich finde die englischsprachige Serie „The Emperor’s Edge“ von Lindsay Buroker ziemlich gelungen. Lindsay hat mit Amaranthe Lokdon eine großartige Heldin geschaffen und da ich ein Fan von weiblichen Protagonisten bin ist die Serie mein Favorit.

Im deutschsprachigen Bereich finde ich die „Magierdämmerung“-Trilogie von Bernd Maschinengeist_CoverPerplies elegant geschneidert und natürlich Chris Schlichts Genre-Debüt „Maschinengeist“. Das Buch war auch der Grund, warum ich sie bei der Serie „Agnosia“ dabei haben wollte. Eine tolle Erzählerin.

Bei Filmen bin ich für alles zu haben. Hauptsache es dampft, kesselt und rattert.

Chris: Ich gestehe zu meiner Schande: Nein. Ich habe auch noch nicht übermäßig viele gelesen und ich bin kein Kinogänger oder Fernsehgucker. Wegen mir bräuchte es zuhause keinen Fernseher. 

Hast du als Autor ein literarisches Vorbild? Findet sich was davon in deinen Steampunk-Büchern wieder?

Lucas: Ui … gute Frage. Wirklich gute Frage. Da ich quer durch die Bank englische und deutsche Literatur lese und seitdem ich einen eReader habe das Doppelte davon, kann ich gar nicht mehr sagen wer mich am meisten beeinflusst hat. Der ältere Robert B. Parker mit seinen Virgil und Hitch-Western löste 2010 etwas in mir aus.

Ich bin und war nie ein Fan von überlangen Erzählungen. Seiten füllen, um der Seitenzahl willen. Das ist nicht mein Stil und ich würde ihn mir auch nicht anmaßen. Das können andere viel besser, denn es spricht ja gar nichts gegen einen schönen langen Winterabend an dem man in einem Buch versinken kann. Ganz so wie ein Director’s Cut von „Quo Vadis?“ oder „Ben Hur“ zu Weihnachten. Geile Sache!

Ich persönlich schreibe für Leserinnen und Leser, die den ganzen Tag Stress bei der Arbeit aushalten müssen, zu Hause noch tausend Verpflichtungen haben und bevor sie ins Bett gehen noch schnell fürs Land der Träume ein paar coole Bilder mitnehmen möchten. Daher finden sich bei mir schnelle Dialoge und knackige Kapitel mit flotten Spannungsbögen und unprätentiöser Sprache. Bei mir gibt es einen flotten Espresso für zwischendurch mit einem kecken Lacher, bei anderen den großen Pott Kaffee mit langen Seufzern.

Chris: Meine absoluten Lieblingsautoren sind Umberto Eco und Carlos Ruiz Zafon. Aber von diesen wird man sicher nichts in meinen Werken finden, denn diese beiden haben eine Sprachgewalt, die für mich wohl unerreichbar ist. Nicht ansatzweise. Was das Technische betrifft, könnte ich Lothar Günther Buchheim als Vorbild nennen.

Würdest du gerne in der von dir erfundenen Steampunk-Welt leben?

Lucas: Auf alle Fälle! Dreireiher, auf Hochglanz polierte Schuhe, Melone, Spazierstock, fertig ist der Edel-Mann. J

Chris: Definitiv nicht! Die Welt, so wie sie jetzt ist, ist trotz aller Mängel, die sie hat, ein deutlich angenehmerer Aufenthaltsort als die Welt, die ich beschrieben habe!

Steampunk – Fantasy oder Science Fiktion?

Lucas: Hm. Gute Frage. Definitiv Steampunk. Wir leben ja schon in der Science Fiction. Man sehe sich nur mal genau um. Wie bereits erwähnt, ich bin nicht so der Technik-Freak.

Genau aus diesem Grund habe ich für die Agnosia-Seria Carsten Steenbergen um Unterstützung gebeten. Der Mann hat wirklich ganz außergewöhnliche Ideen. Ich meine,

Carsten Steenbergen bei der Arbeit

Carsten Steenbergen bei der Arbeit

mal ehrlich, Star Trek hat seinen Michael Okuda, also kann Agnosia nicht ohne seinen Carsten Steenbergen. Ich sage nur: Medusen, die Ketten des Prometheus oder Skylla … da kribbelt es schon in den Fingern, wenn ich nur die Namen ausspreche.

Spaß beiseite, natürlich ist Science Fiction als „Mutter-Genre“ notwendig, aber ich glaube nicht zwingend.

Chris: Kommt drauf an: Eigentlich braucht Steampunk keine Fantasy-Elemente, denn man kann ja auch so viel hinein interpretieren, wer weiß, was gewesen wäre, wenn… Das reicht doch, man braucht keine Magie, um etwas zu erklären oder irgendwelche Wesenheiten, Kobolde, Elfen,Vampire. Deus ex machina, alles erklärt sich aus dem Erfindergeist. Für mich ist Steampunk also eher Science Fiction und Steam-Fantasy eine Spielart, die ich nicht so sehr favorisiere.

Luftschiffe im Weltraum? Wie denkst du über Steampunk-Unterkategorien?

Lucas: Unbedingt. Je bunter und größer die Vielfalt, umso besser. Gerade das macht die Freiheit der Literatur aus. Ich bin kein Purist. Ein Genre mit drei bis vier Unterkategorien finde ich langweilig. Nur durch eine große Bandbreite kann wirklich was Neues und Spannendes entstehen.

Chris: Wieso noch ein paar Schubladen? Warum muss immer alles in Kategorien eingeteilt werden? Das bremst doch ungemein. Alles muss sinnvoll erklärbar sein, ja, und warum soll ein Dampfantrieb nicht auch im Weltall funktionieren?

Besitzt du ein Steampunk-Outfit? Wo trägst du es?

Lucas: Noch nicht und daher für alle Ideen und Vorschläge offen.

 

Agnosia: Steamcowboy

Agnosia: Steamcowboy

Chris: Ich besitze einige Kleidungsstücke, mit denen ich stilecht auftreten kann, zum Teil selbstgemacht. Ich trage sie bei Lesungen oder entsprechenden Events. Manche Klamotten, die man mit den entsprechenden Accessoires auch dem Steampunk zurechnen könnte, trage ich aber auch so. Daily Steampunk…

Wirst du demnächst aus deinem Steampunk-Buch lesen (im Steampunk-Outfit)? Termine!

Lucas: Wie gesagt arbeiten Chris Schlicht, Carsten Steenbergen und ich gerade an einer neuen Serie.

Was darf man in Kürze erwarten? Eine Stadt, erbaut auf den Rümpfen einer ehemaligen Kriegsflotte. Hoch spezialisiert und von den Kesseln der Kriegsschiffe betrieben. In ihr: Ein Ingenieur, der gleich Odysseus eine Reise antritt, an deren Ende eine fundamentale Veränderung mit ihm geschieht.

Da ich ja von Anime beeinflusst bin habe ich die Arbeitsweise der Zeichner für die Serienliteratur adaptiert. Meine Wenigkeit ist für die „Animation der Charaktere“ verantwortlich. Ich bastle also die Dialoge und die Spannungsbögen. Dann kommt der Text zu Chris Schlicht, die ihn mit ihrer Prosa füllt, gleich einem Hintergrundzeichner. Für die Technik schließlich ist Carsten Steenbergen zuständig, der uns mit schrägen Maschinen und Tüfteleien versorgt.

Für die Cover ist Alex Preuss verantwortlich, der bereits die ersten beiden Bände mit seinen Bildern ausgestattet hat. Ich denke, wir dürfen die hier ruhig mal exklusiv zeigen.

Eine Homepage-Domain existiert bereits und wir werden sie im März 2014 mit den ersten Details bestücken. Ich denke es lohnt sich, wenn man da dran bleibt.

www.agnosia-serie.com

Und wenn das Ding mal losrattert, DANN wird es auch mit Sicherheit Lesungen geben.

Chris: Wenn, dann im Outfit, natürlich, aber im Moment sind keine Termine gesetzt. Das wird sich spätestens bei Erscheinen meines zweiten Romans ändern, sofern ich gesundheitlich wieder auf der Höhe bin.

Termine werden dann frühstmöglich auf meiner Internetseite oder via Facebook bekannt gegeben.

 

Liebe Chris, lieber Lucas, vielen Dank, dass ihr Euch meinen Fragen gestellt habt. Damit endet auch meine Aktion STEAMPUNK-Monat. Danke, dass ihr mitgelesen habt!

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