{"id":1749,"date":"2014-11-20T22:08:37","date_gmt":"2014-11-20T20:08:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreas-dresen.de\/wordpress\/?page_id=1749"},"modified":"2014-11-20T22:09:16","modified_gmt":"2014-11-20T20:09:16","slug":"leseprobe-wilhelmstadt-die-abenteuer-der-johanne-dejonker-band1-die-maschinen-des-saladin-sansibar","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.andreas-dresen.de\/wordpress\/?page_id=1749","title":{"rendered":"Leseprobe: Wilhelmstadt &#8211; Die Abenteuer der Johanne deJonker, Band1: Die Maschinen des Saladin Sansibar"},"content":{"rendered":"<p>Dampfend und zischend fuhr der Orient-Express in den Bahnhof von Wilhelmstadt ein. Grauer Qualm sammelte sich unter dem gew\u00f6lbten Glasdach und tr\u00fcbte die einfallenden Sonnenstrahlen. Der Elefantenkopf der Lokomotive schob sich \u00fcber die Gleise, wurde immer langsamer und blieb schlie\u00dflich prustend und hustend am Ende des Bahnsteigs stehen. Die langen, st\u00e4hlernen Sto\u00dfz\u00e4hne wirkten wie zwei Puffer, die alles, was dem Zug in den Weg kam, von den Gleisen fegten. Was den Z\u00e4hnen entkam, prallte gegen die wuchtige Stirn des eisernen Elefantenbullen, dessen Kopf wie eine Galionsfigur den Zug schm\u00fcckte.<br \/>\nDie T\u00fcren des Zuges sprangen auf und die Menschen quollen aus den Waggons. Die einen steuerten auf die gro\u00dfen marmornen Treppen zu, um ihren Gesch\u00e4ften in Wilhelmstadt, die sie so lange vernachl\u00e4ssigt hatten, nachzugehen, andere eilten \u00fcber den Bahnsteig, um ihren Anschlusszug zu erreichen. Auf dem Nachbargleis wartete bereits der Braune B\u00e4r. Dieser Zug w\u00fcrde seine Passagiere von Wilhelmstadt \u00fcber Frankfurt nach Berlin bringen und von dort aus nach Moskau weiterreisen.<br \/>\n\u201eEs war sch\u00f6n, Sie kennengelernt zu haben, Fr\u00e4ulein deJonker.\u201c<br \/>\nDer junge Mann mit dem Spitzbart verbeugte sich galant vor der jungen Dame, mit der er die letzten Stunden seiner Reise verbracht hatte.<br \/>\n\u201eWenn ich nicht mein Luftschiff, die HRAVictoria, erreichen m\u00fcsste, w\u00e4re es mir eine Freude, sie auch weiterhin in Wilhelmstadt zu begleiten. Aber leider ruft mich die Pflicht und ich reise weiter nach London, wo man mich bereits heute Abend im Club erwartet.\u201c<br \/>\n\u201eDie Freude w\u00e4re ganz meinerseits, Herr Doktor\u201c, antwortete Johanne kokett und stellte ihre Handtasche auf den Boden, um ihm die Hand zum Kuss hinzuhalten. Der Doktor ergriff sie und hauchte den Kuss auf ihre Finger.<br \/>\nPl\u00f6tzlich erhielt Johanne einen Sto\u00df in den R\u00fccken und stolperte. Im n\u00e4chsten Moment war ihre Handtasche verschwunden.<br \/>\n\u201eHey\u201c, rief Johanne. \u201eMeine Papiere! Meine Handtasche! Haltet den Dieb!\u201c<br \/>\nSie zeigte auf einen kleinen, dreckigen Jungen, der sich die Beute an die Brust dr\u00fcckte und sofort die Beine in die Hand nahm.<br \/>\n\u201eVerdammt, den kriegen sie nicht mehr\u201c, sagte der Doktor verdrossen.<br \/>\n\u201eAch, Unsinn.\u201c Johanne packte ihren Schirm und rief: \u201eAus dem Weg!\u201c<br \/>\nDann hob sie die Spitze des Schirms in Richtung des Jungen, der inzwischen den halben Bahnsteig \u00fcberquert hatte. Johanne zielte, dann dr\u00fcckte sie auf einen versteckten Knopf im Griff des Schirms.<br \/>\nEine Feder l\u00f6ste sich mit einem Knacken und die Streben des Schirms l\u00f6sten sich und flogen wie eine riesige Spinne durch die Luft. Kurz darauf lag der Junge auf der Erde, seine Beine im Drahtgeflecht des Schirms verheddert. Johanne schnappte sich die Handtasche und schaute dem Jungen in die Augen. Das Gesicht war dreckig, seine Kleidung zerrissen. Aus gro\u00dfen blauen Augen sah er Johanne verzweifelt an. Er wusste, was ihm nun bl\u00fchte. Wenn er in die H\u00e4nde der Kaiserlichen Geheimpolizei fiele, k\u00e4me er erst ins Heim, dann in die Fabrik. Wenn er Gl\u00fcck hatte. Er w\u00fcrde wahrscheinlich schon lange erwachsen sein, bis er wieder frei w\u00e4re.<br \/>\nHanne nahm mit einem geschickten Griff die Drahtsperre von seinen Beinen.<br \/>\n\u201eHau blo\u00df ab\u201c, zischte sie ihm zu.<br \/>\nDer Junge grinste und war schon in der Menge verschwunden, als sich Johanne wieder ihrem Begleiter zuwandte.<br \/>\n\u201eSie sind mir ja ein Kavalier\u201c, sagte sie grinsend, doch der Herr Doktor mit dem Bart war fort.<br \/>\n\u201eWahrscheinlich steckte er mit dem Jungen unter einer Decke\u201c, sagte ein \u00e4lterer Mann, der neben Johanne aufgetauchte. \u201eBitte entschuldigen Sie meine Versp\u00e4tung, Fr\u00e4ulein Johanne.\u201c<br \/>\n\u201eWohin bringst du mich, Joseph?\u201c<br \/>\nJohanne sa\u00df neben dem Hausdiener ihrer Familie auf dem Kutschbock, w\u00e4hrend er sie durch die Stadt fuhr. Wilhelmstadt war gewachsen, seitdem sie das letzte Mal hier gewesen war. Die Segmente schienen zum Teil neu bebaut worden zu sein. Der neue Reichtum der Stadt war un\u00fcbersehbar, denn gro\u00dfe Kaufmannsh\u00e4user reihten sich wie eine gl\u00e4nzend polierte Perlenkette entlang der Hauptstra\u00dfen. Doch ebenso un\u00fcbersehbar war die gro\u00dfe Armut, als sie kurz darauf durch die kleineren Stra\u00dfen des achten Segments fuhren. Dreckige Kinder spielten auf der Stra\u00dfe, d\u00fcrre Frauen mit eingefallenen Gesichtern starrten sie aus dunklen L\u00f6chern, die sie ihr Zuhause nannten, an.<br \/>\n\u201eDas ist nicht der Weg zum Haus Schamal!\u201c, sagte sie, mit wachsender Sorge.<br \/>\nDer Rauch der Kamine der armseligen Ziegelh\u00e4uschen, die die Wege s\u00e4umten, und der<br \/>\nQualm der riesigen Schlote der Fabriken, die in diesem Teil der Stadt das Bild pr\u00e4gten, legte sich wie ein \u00f6liger Film auf alles Leben. In einem Hauseingang lag ein alter Mann in Lumpen. Sein Blick ging ins Leere, nur seine Finger zuckten, als die Droschke vorbeifuhr.<br \/>\n\u201eJoseph, ich glaube, dieser Mensch dort vorne stirbt! Wir m\u00fcssen etwas tun!\u201c<br \/>\nJoseph sch\u00fcttelte traurig den Kopf.<br \/>\n\u201eIn diesen Stra\u00dfen wird zu jeder Stunde gestorben, Herrin. Wir k\u00f6nnen nicht jeden retten. Wir m\u00fcssen sehen, dass wir \u00fcberleben.\u201c<br \/>\n\u201eDann bring mich weg von hier. Bring mich nach Hause.\u201c<br \/>\n\u201eDas tue ich bereits, Fr\u00e4ulein Johanne.\u201c<br \/>\n\u201eAber &#8230; Haus Schamal liegt im vierten Bezirk. Direkt am Park! Was wollen wir dann hier?\u201c<br \/>\n\u201eFr\u00e4ulein Johanne, seitdem der Kaiser die Familie deJonker enteignet hat, leben wir hier. Graf Eyth war so freundlich, uns ein Zimmer in einem seiner H\u00e4user zu geben. Als er h\u00f6rte, dass das gn\u00e4dige Fr\u00e4ulein heimkehrt, hat er sogar eine ganze Wohnung r\u00e4umen lassen.\u201c<br \/>\n\u201eR\u00e4umen lassen? Aber was ist mit den Menschen, die dort gelebt haben? Und warum wohnen wir nicht im Haus Schamal?\u201c<br \/>\n\u201eFr\u00e4ulein Johanne, der Kaiser hat Haus Schamal konfisziert! Euch geh\u00f6ren nur noch die Sachen, die ihr am Leib tragt, und die wenigen Sachen, die Marianne und ich retten konnten. Und die Vormieter unserer neuen Bleibe &#8230; nun, ich wei\u00df es nicht. Wahrscheinlich leben sie auf der Stra\u00dfe. Entweder sie oder wir.\u201c<br \/>\nJohanne versank in br\u00fctendes Schweigen, bis sie endlich vor einem kleinen Ziegelhaus hielten.<br \/>\n\u201eIch werde alles daf\u00fcr tun, um die Ehre unserer Familie wieder herzustellen\u201c, brach es aus Johanne heraus. \u201eDas lasse ich nicht auf mir sitzen. Nicht dieses himmelschreiende Unrecht!\u201c<br \/>\n\u201eDer Kaiser hat durch die Schuld Ihres Vaters seinen Neffen verloren\u201c, gab Joseph zu bedenken.<br \/>\n\u201eDie Schuld meines Vaters wurde noch nicht festgestellt. Ich werde seine Unschuld beweisen!\u201c<br \/>\nJoseph kicherte kurz. \u201eVielleicht k\u00f6nnte ich Euch mit den Dunklen K\u00fcnsten zu Diensten sein? Euer Herr Vater hat sich in diesem Bereich immer auf mich verlassen.\u201c<br \/>\nJohanne keuchte entsetzt auf.<br \/>\n \u201eLass mich damit in Ruhe! Was meinst du damit? Voodoo? Zauberkunst? Joseph, ich w\u00fcnschte, du h\u00e4ttest deinen Aberglauben in deinem b\u00f6hmischen Dorf gelassen, aus dem du mit Marianne gekommen bist. Es ist das Jahrhundert der Wissenschaften. Ich bin eine studierte Frau. Also komm mir nicht mit diesem Volksglauben. Das hat von nun an keinen Platz mehr bei uns, verstanden?\u201c<br \/>\nJoseph nickte entt\u00e4uscht. \u201eIch habe verstanden, Fr\u00e4ulein. Auch wenn ich glaube, dass<br \/>\nIhr &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eSchluss jetzt. Ich will nichts mehr davon h\u00f6ren. Au\u00dferdem glaube ich einfach nicht, dass mein Vater sich damit abgegeben hat. Du musst dich get\u00e4uscht haben.\u201c<br \/>\nSie stiegen aus und betrachteten das Haus.<br \/>\n\u201eHier ist es also?\u201c, fragte Johanne.<br \/>\n\u201eHier ist es. Unser neues Zuhause.\u201c<br \/>\nDas Haus hatte zwei Stockwerke und ein marodes Dach. Wenn man bedachte, dass Wilhelmstadt erst rund drei\u00dfig Jahre alt war, dann war dieses Geb\u00e4ude daf\u00fcr in einem furchtbaren Zustand. Die Fensterscheiben waren gesprungen, die Ziegel waren vom t\u00e4glichen Ru\u00df der nahen Schlote fast schwarz geworden.<br \/>\n\u201eWir sollten hinein gehen\u201c, sagte Joseph. \u201eDie Stra\u00dfen sind nicht sicher.\u201c<br \/>\nJohanne nickte nur.<br \/>\nIn diesem Moment fiel eine junge Frau aus den Wolken, landete mit einem Krachen auf dem l\u00f6chrigen Dach, rutschte daran hinab und knallte mit ausgestreckten Armen und einem offensichtlich zermalmtem Bein auf den B\u00fcrgersteig, wo sie in einer sich schnell ausbreitenden Blutlache liegen blieb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dampfend und zischend fuhr der Orient-Express in den Bahnhof von Wilhelmstadt ein. Grauer Qualm sammelte sich unter dem gew\u00f6lbten Glasdach und tr\u00fcbte die einfallenden Sonnenstrahlen. 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