Leseprobe Zeelandgeschichten – Rieke

Eine Leseprobe aus der Geschichte “Rieke”, zu finden in meinem E-Book “Zeelandgeschichten – Sieben mal Meer”

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Rieke

„Ich habe gute Nachrichten!“ Jules stürmte die Treppen des Bistros hinauf, was Hank, dem alten Besitzer der „Het zwarte Kwal“ ein Stirnrunzeln entlockte. Rieke balancierte drei Teller auf dem linken Arm und zwei auf dem rechten, warf Jules einen Luftkuss zu und ging an ihm vorbei auf die Terrasse.
„Gleich“, sagte sie. „Setz dich kurz.“
Sie ging hinüber in die Ecke, wo die deutsche Familie Platz genommen hatte. Der knapp zwanzigjährige Sohn wibbelte mit dem Bein, als er Rieke ankommen sah. In seiner Hand hatte er ein iPhone, auf dem er mit dem Finger rumschmierte. Dann starrte er ihr auf die Beine, sein Blick glitt höher und verfing sich in ihrem T-Shirt. Seine Freundin, einen Kopf kleiner als er und genauso falsch blond wie seine Mutter, schien nicht zu merken, wo ihr Freund seine Augen hatte. Sie hörte gelangweilt interessiert der Mutter zu, die lautstark etwas sehr Intimes erzählte. Rieke fragte sich immer, warum die Deutschen einerseits dachten, sie seien im Ausland, da verstünde sie keiner, also könnten sie Dinge auf der Straße erörtern, die sie zu Hause nur bei geschlossenem Fenster besprechen würden, aber andererseits erwarteten, da sie in Holland seien, dass sie doch jeder verstehen müsse.
Rieke setzte geschickt die Teller auf dem Tisch ab. Bin ich froh, wenn ich hier weg bin, dachte sie, als sie den Jungen anlächelte. Vielleicht würde er für den Blick auf ihren Busen wenigstens Trinkgeld geben. Wenn er überhaupt selbst bezahlte. Etwas klickte. Rieke starrte den jungen Mann an. Er grinste und packte sein iPhone demonstrativ in die Jackentasche. Hatte er gerade ein Foto von ihr gemacht? Von ihren Beinen? Rieke hasste es, fotografiert zu werden. Vor allem ungefragt. Sie kniff die Augen zusammen, schluckte aber einen bissigen Kommentar herunter. Sie bereute es, eine kurze Hose angezogen zu haben.

Jules wartete an der Theke auf sie. Er saß ungeduldig auf einem Hocker und strahlte sie an, als sie hereinkam. Mel räkelte sich neben ihm und machte ihm schöne Augen. Rieke musste grinsen. Sie wusste, dass Mel sie um Jules beneidete. Er sieht so umwerfend gut aus, hatte Mel ihr mal gesagt, als sie über Männer geredet hatten – und Rieke musste ihr Recht geben. Seine dunkelblonden Haare hingen ihm in dicken Strähnen bis fast auf die Schultern, sein Gesicht war auch im Winter braun gebrannt, weil er bei jedem Wetter draußen war. Im Sommer betreute er die Surfschule, die direkt hinter der Düne neben dem anderen Strandrestaurant aufgemacht hatte. In der Vor- und Nachsaison arbeitete er bei Piets Fahrradverleih gegenüber, der direkt an der Hauptstraße lag. Mel behauptete, dass, seitdem Jules dort arbeite, viel mehr Leute mit dem Fahrrad unterwegs seien. Rieke war das egal. Sie konnte keine Fahrräder mehr sehen. Und auch keine Surfbretter. Auch wenn Jules es immer wieder versucht hatte, sie zum Windsurfen zu animieren. Sie kam sich einfach ungelenk und ungeschickt vor, wenn ihr das Segel immer wieder ins Wasser fiel. Sie hatte nicht die Geduld dazu. Und seitdem sie einmal fast ertrunken war, als sie unter dem Segel begraben wurde, hatte sie sich geschworen, nie wieder einen Fuß auf diese Dinger zu setzen. Auch nicht für Jules. Damals hatte sie begonnen, das Meer zu hassen.
Jules beachtete Mel nicht mehr, als Rieke auf ihn zukam. Er sprang auf und rannte auf sie zu. Sie hatte sich damals in seine naive Art verliebt, mit der er in einer Horde Mädchen stehen konnte und nicht bemerkte, dass sie ihn alle anhimmelten. Aber das war lange her. Sie lächelte. „Also, was ist so wichtig?“ Sie warf Hank einen Blick zu. Er war ein Riese von einem Mann. Er hatte Arme, die so dick waren wie Riekes Oberschenkel, sein Bauch steckte prall unter einem karierten Hemd, doch das Gesicht und die glatt polierte Glatze waren vom tiefen Braun der Küstenbewohner. Manchmal, je nachdem wie das Licht auf Hank fiel, wirkte er freundlich. Aber das kam nicht oft vor. Rieke wusste trotzdem, dass er sie mochte. Der Besitzer des „Het zwarte Kwal“ zeigte auf die Teller, die bereits gefüllt und dampfend auf der Theke standen und darauf warteten, abgeholt zu werden. Sie warf dem Besitzer ein kurzes entschuldigendes Lächeln zu.
„Ich kann den Laden wahrscheinlich haben!“, sagte Jules mit großen Augen. Rieke sah, wie sehr er sich freute und nur darauf wartete, dass sie sich auch freute. Sie tat ihm den Gefallen. „Echt?“, rief sie. „Das ist ja toll. Was heißt „wahrscheinlich“?“
Sie wusste, dass sie damit den Finger in die Wunde legte und sein Lächeln verblasste etwas.
„Warte mal kurz“, sagte sie. “Ich bringe das Essen raus, dann hab ich Zeit. Setz dich.“
„Vielleicht kann Mel mal … ?“ Er blickte das Mädchen fragend an, doch Rieke war bereits bei den Tellern. „Mein Tisch, ich mach das schnell.“
Als sie wieder nach draußen trat, blendete die Sonne sie. Die Vorsaison ging langsam zu Ende, es wurde voller an der Küste. Domburg war schon fast überlaufen, West- und Ostkapelle füllten sich. Bin ich froh, wenn ich hier weg bin, dachte Rieke. Geschickt stellte sie die Teller dem Pärchen auf den Tisch. Er saß in kurzer Hose am Tisch, sie war noch in eine dicke Jacke eingemummelt. „Bedankt“, sagte die Frau und versuchte ihre paar Brocken niederländisch anzubringen. Rieke quittierte es mit einem kurzen Lächeln. Sie fand das zwar nett aber überflüssig. Was sie viel eher brauchte, war Trinkgeld! Denn wenn alles wie geplant lief, würde sie bald jeden verdammten Cent brauchen.

In der kühlen Atmosphäre der Bar hatte Mel immer noch nicht aufgegeben. Wieder hing sie neben Jules und streckte ihm ihre Brüste entgegen. Doch dieser stand auf, ohne sie zu beachten, zog Rieke ein wenig zur Seite und setzte sie an einen bereits gedeckten Tisch. Im Inneren der „Het zwarte Kwal“ waren keine Gäste, nur ab und zu verirrte sich ein von der Sonne rotgebrannter Gast auf der Suche nach der Toilette in den Speisesaal. Jules nahm einen Stuhl, setzte sich über Eck neben sie und schloss seine Hände um ihre. Um ihn nicht ansehen zu müssen, musterte Rieke die alten Fotografien an der Wand. Das war für sie schon immer ein Fluchtweg gewesen. Alte Fotos, schöne Fotos, unbedeutende Fotos, sie alle hatten für Rieke etwas Besonderes. Sie zeigten eine Welt, in die sie für ganz kurze Zeit fliehen konnte, um der Realität zu entkommen. Rieke liebte Fotos, aber ihr selbst war es unangenehm, fotografiert zu werden.
„Wenn ich den Laden bekomme, dann können wir uns endlich selbstständig machen!“ Jules Augen glänzten. „Ich habe das Geld für die Kaution und die Steuern. Dann können wir immer hier an der Küste bleiben!“
Rieke schnürte es die Kehle zu. Es war Jules Traum sein Leben in Zeeland zu verbringen. Er liebte das Meer, die Touristen und das Leben in den kleinen Dörfern. Sie hingegen dachte mit Grauen daran.
Voll und heiß im Sommer, grau, trist und verregnet im Winter, dachte sie. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt und alle diese endlosen Jahre habe ich auf dieser Insel, zwischen Middelburg und Domburg, zwischen Veere und Vlissingen verbracht.
„Es gehören sogar zwei kleine Zimmer dazu, in denen wir uns einrichten können.“ Er lachte sie strahlend an. „Wir müssten nicht mehr in Middelburg wohnen! Endlich raus aus der Stadt.“
Wo es wenigstens noch ein paar Geschäfte gibt, und Bars, die nicht von Oktober bis März geschlossen haben, vervollständigte sie in Gedanken. Aber sie lächelte ihn an.
„Das hört sich toll an. Und was ist der Haken?“
„Es gibt keinen! Wir müssen morgen früh unterschreiben, sonst vergibt Frank den Laden an eine Deutsche, die dort ein Bio-Café aufmachen will.“ Er schaute sie geplagt an. Obwohl er selbst Belgier war, schien es ihm nicht richtig, dass andere Ausländer sich hier niederließen.
„Wir?“, fragte Rieke nach. „Wir müssen beide unterschreiben?“
„Na ja, er will, dass wir beide uns verantwortlich fühlen. Dass nicht plötzlich einer sagt, ich will nicht mehr und den anderen sitzen lässt. Er will, dass unser Konzept ein Erfolg wird. Dass wir langfristig denken und arbeiten. Ich finde das gut, dass er uns beide will!“
Rieke sagte nichts und sah nur wieder die Fotos an der Wand an. Es war ihre Chance, endlich etwas aus ihrem Leben zu machen. Sie wusste, dass er das dachte. Sie wäre nicht länger von Hank abhängig, dem griesgrämigen Barbesitzer der „Het zwarte Kwal“, der ihr nicht viel mehr als einen Hungerlohn zahlte. Aber wollte sie das auch? Irgendetwas nagte in ihr, doch fand sie nicht heraus, was das war.
Jules schien ihre Gedanken nicht zu bemerken. „Soll ich dich gleich mit zurücknehmen?“ Er hatte seine kleine Wohnung in Middelburg, in die er abends immer zurück fuhr, aber die würde er aufgeben. Rieke schlief manchmal bei ihm, wenn sie aus dem Dorf raus musste und die betriebsame Attraktivität der Touristenstadt brauchte. Außerdem mochte sie Jules´ Wohnungskater Adriaan, der immer auf der Fensterbank lag und maunzend die Tauben auf den gegenüberliegenden Dächern beobachtete, die er niemals fangen würde.
„Adriaan könnte dann auch mal raus“, sagte sie gedankenverloren. Jules nickte. „Ja, der Laden und die Wohnung haben Fenster nach hinten. Da kann er durch die Gärten bis auf die Felder oder den Friedhof. Mäusegespenster jagen“, lachte er. Jules stand auf. „Also, soll ich dich mitnehmen?“
„Nein, ich bleibe hier. Ich schlaf in der Kammer oben unterm Dach. Spätschicht.“ Sie sah ihn warmherzig an und ihr Herz wurde schwer. Sie mochte Jules wirklich. Seitdem er eines Tages aus Belgien hier aufgetaucht war, hatte er hier einiges auf den Kopf gestellt. Er hatte Brügge verlassen und Zeeland im Sturm erobert. Jeder mochte ihn. Sie gab ihm einen Kuss auf die Lippen. „Ich muss. Wir sehen uns morgen, ja?“
„Gegen neun Uhr früh treffen wir uns mit Frank. Wenn wir nicht kommen, geht der Laden an die Deutsche. Sie würde mehr bezahlen, aber er mag uns. Also … doei!“

Der rothaarige junge Mann setzte sich in die Ecke, in der zuvor die deutsche Familie gesessen hatte. Trotz der Wärme des Tages behielt er seine Lederjacke an, den Blick auf sein Motorrad gerichtet, das er vor der „Het zwarte Kwal“ abgestellt hatte. Ein wuchernder kupferner Vollbart verdeckte einen Teil des Gesichts, aber die graublauen Augen zwinkerten fröhlich, als Rieke sich an seinen Tisch stellte.
„Was darf´s sein?“, fragte sie neutral, doch ihr Blick wanderte zu Hank, der hinter der Bar Gläser spülte.
„Ein großes Bier“, sagte er so leise, dass Rieke ihn kaum verstand. Dann spürte sie seine Finger an ihrem Knie. Langsam strich er mit dem Zeigefinger über die empfindliche Stelle hinten an ihrem linken Bein, das braungebrannt in der kurzen Jeanshose steckte.

Eine weitere Leseprobe aus dem Buch Zeelandgeschichten findet ihr hier: Hase.

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