Weihnachtsgeschichte: Warum meine Katze den Weihnachtsmann gefressen hat

Warum meine Katze den Weihnachtsmann gefressen hat

Die Tür knarrte, als ich die Flasche Glühwein aus dem Schrank nahm. Es war still im Haus. Meine Frau Sunny war über Weihnachten nach Hause zu ihrer Mutter in die französischen Alpen gefahren. Ich war zu Hause geblieben. Die Katze füttert sich schließlich nicht von alleine.
Aus dem Fenster konnte ich hinaus in die Dunkelheit sehen. Die Katze war schon zu lange unterwegs, fand ich. Es war kalt draußen und ich fragte mich, was sie wohl da draußen trieb. Irgendwo tönten Kirchenglocken hell und klar durch die eisige Nacht. Irgendeine Christmette, die zu Ende ging. Mir war kalt.
Der Fernseher lief ohne Ton, da ich das alles nicht ertragen konnte, was ich da hören würde: Soviel Weihnachtsgesäusel. Aber alleine sein, das konnte ich auch nicht. Wenn das Bild lief, hatte man das Gefühl, jemand wäre da, musste aber nicht mit ihm reden.
Der Glühwein begann im Topf zu dampfen. Ich nahm die leere Flasche und stellte sie zu den anderen neben dem Mülleimer. Die Lichterkette auf der Fensterbank flackerte leise surrend. Warum auch nicht, dachte ich und nahm mir einen Becher Glühwein.
Heiligabend hat etwas sehr besinnliches, dachte ich. Man sollte ihn immer so feiern, alleine, nur in seine Gedanken versunken. Wo war die Katze bloß?
Ich trank einen Schluck von dem heißen Wein. Es begann zu schneien. Ist das nicht schön, dachte ich. Weiße Weihnacht. Jetzt haben die ganzen Autofahrer wieder was zu meckern. Aber ich war ja genauso, musste ich zugeben. Die ganzen Jahre hatte ich beruflich auf der Autobahn verbracht. Ich habe über jedes Wetter gemeckert, dass meinen Zeitplan verzögerte. Hamburg, Berlin, München, Frankfurt, Paris, New York. Autobahn, Flughafen, Bahnhof. Wehe, wenn die ersten Flocken fielen. Stillstand statt Vorwärtskommen. Erzwungene Besinnlichkeit auf dem kalten Bahnsteig kann schnell in Frust umschlagen. Und Frust in Wut. Und Wut in Magengeschwüre, wenn man keinen hatte, an dem man die Wut auslassen konnte.
Aber das war ja jetzt vorbei.
Ob Sunny schon bei ihrer Mutter angekommen war? Sie war gerne unterwegs. Ihr würde der Schnee nichts ausmachen. Sie fuhr ja auch gerne Ski, denn sie war ja damit aufgewachsen. Am Rande der französischen Alpen schneite es eben häufiger als in der tiefen Rheinebene kurz vor der Grenze nach Holland. Hier ist es eher trist.

Die Katze kratzte verzweifelt an der Tür. Endlich, dachte ich. Wieso ruft die denn nicht, dachte ich und öffnete die Terrassentür.
Das graue Fellbündel schoss herein und warf mir ihre nasse Beute vor die Füße.
„Och, nö!“, rief ich. „Nicht hier drin.“
Die Beute bewegte sich. Ich wollte nicht hinschauen. Es sah komisch aus. Die Maus, oder was es war, schien voller Blut zu sein und kroch nur noch langsam auf allen vieren.
„Himmel“, dachte ich. „Was mach ich denn jetzt?“ Ich schluckte. Da gabs nur eins. Als Tierliebhaber musste man auch mal zu drastischen Mitteln greifen, um ein Leiden zu beenden. Ich schloss die Augen, hob den Fuß und wollte gerade zutreten, als ich die Stimme hörte.
„NEIN!“, donnerte es. Eigentlich hörte es sich eher an, wie ein genuscheltes Neeeiieeennn, aber da es von allen Wänden widerhallte, war es dennoch eindrucksvoll.
Ich kniff die Augen zusammen und versuchte mir den Wein aus den Augen zu reiben, der offensichtlich meine Wahrnehmung trübte. Dann sah ich genauer hin.
Auf dem Teppich saß auf seinem Hintern, die Beine breit gespreizt und auf die Hände gestützt, der Weihnachtsmann im roten roten Mantel. Seine Mütze war ihm in die Stirn gerutscht und er schüttelte mir seine Faust entgegen. Er war ungefähr 15 Zentimeter groß. Die Katze kam und roch noch einmal an ihm. Der Weihnachtsmann gab ihr einen Schlag auf die Nase. Sie zuckte zurück und fauchte. Dann gab sie ihm mit der Tatze eine Schubs und der Weihnachtsmann rollte purzelnd über den Teppich.
„Huch“, sagte ich und bückte mich schnell nach dem kleinen Mann. Vorsichtig legte ich die flache Hand vor ihn und schob ihn mit der anderen vorsichtig auf meine Finger. Dann ging ich zum Küchentisch und legte ihn dort auf eine Serviette.
Der Weihnachtsmann richtete seine Mütze, strich sich die Jacke zurecht und zupfte kurz an der ebenfalls roten Hose.
„Oh nein!“, jammerte er. Dann sah er mich wütend an. „Deine Katze hat ein Loch in meine Hose gebissen.“
„Das tut mir leid“, sagte ich und blickte vorwurfsvoll zu dem Tier hinab, dass neben dem Tisch saß und sich das Maul schleckte.
„Ist das Glühwein?“, fragte der Weihnachtsmann unvermittelt und stiefelte zu meiner Tasse. Er zog sich an der Seite hinauf und schnupperte. „Riecht gut“, sagte er. „Aber ein bisschen wenig für uns beide, oder?“
Bevor ich mich versah, war die Tasse leer und der Weihnachtsmann saß wieder abwartend auf der Serviette und sah mich erwartungsvoll an.
Natürlich stürmte ich sofort in die Küche und kam mit zwei dampfenden und gefüllten Tassen zurück.
„Spekulatius?“, fragte ich und stellte eine ganze Tüte neben die Tassen.
„Geh weg damit. Seit August stopf ich mich mit dem Zeug voll. Kann es nicht mehr sehen.“
„Oh.“ Schnell ließ ich die Kekse verschwinden. Schließlich wollte ich es mir nicht mit dem Weihnachtsmann verscherzen. Selbst wenn er nicht größer war, als ein gut gewachsener Maulwurf.
Der Weihnachtsmann sah sich um. Betrachtete kurz missbilligend den großen Fernseher an der Wand, auf dem die Weihnachtsfolge von „Familie Heinz Becker“ lief.
„Ganz allein?“, fragte er.
„Ja, meine Frau …“
„Ja, ja, ich weiß schon“, fuhr er mir über den Mund. Bei ihrer Mutter“, sagte der winzige Weihnachtsmann. „Habe ihren Wunschzettel gelesen.“
Ich schaute den Weihnachtsmann an. „Ihren Wunschzettel?“
„Dir ist klar, dass sie nicht wiederkommt, oder?“ Der Weihnachtsmann schob mir die Glühweintasse hin. „Noch einnn, bidde.“
„Wie meinst du das, sie kommt nicht wieder?“
„Glühwein kommt wieder in meine Tasse, habe ich gesagt.“
Seufzend stand ich auf und goss einen großen Schluck heißen Wein in die Tasse und stellte sie wieder neben den Weihnachtsmann. Nachdem ich auch nur einmal geblinzelt hatte, war die Tasse halb leer. Dies bestätigte meine Theorie. Je mehr Glühwein man trinkt, desto schneller trinkt man ihn.
„Was ist jetzt mit Sunny? Wie meinst du das, dass sie nicht wiederkommt? Wird sie einen Unfall haben?“ Plötzlich bekam ich Angst um meine Frau. Sie war doch immer hier gewesen. Sunny war mein Augenstern. Ich hatte sie kurz vor meinem Ruhestand geheiratet, sie war Mitte zwanzig und der ideale Grund für einen Mann, seine Arbeit für immer liegen zu lassen.
Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf und ein kleines Glöckchen an seiner Mütze bimmelte. Die Katze blickte auf und betrachtete ihn aufmerksam.
„Sie bleibt bei ihrer Mutter.“
„Wie jetzt?“
„Sie verlässt dich. Oder besser gesagt, sie hat dich verlassen.“
Ich sprang auf. „Das kann sie doch nicht machen, ich glaube dir nicht.“
„Vielleicht hättest du ihr mal ein bisschen besser zuhören sollen.“
„Ich habe ihr doch zugehört!“
„Ach? Was war denn das letzte, was sie gesagt hat, als sie heute morgen zu ihrer Mutter fuhr?“
Ich dachte nach, konnte mich aber nicht erinnern.
„Tschüss, vielleicht?“
Der winzige Weihnachtsmann schüttelte mit dem Kopf.
„Du hast das ganz schön vermasselt, alter Freund.“
Ich sagte nichts und starrte in meine Glühweintasse, die der Weihnachtsmann inzwischen auch schon leergesoffen hatte.
„Ich meine“, sagte der Winzling, „du hast doch alles gehabt! Bist mit Mitte Vierzig in den Vorruhestand gegangen, weil dir das Geld aus dem Arsch quillt. Eigene Firma, Internet, gut verkauft. Sunny ist fünfzehn Jahre jünger, ihr hättet alles miteinander machen können. Reisen, um die Welt jetten. Vielleicht eine Jacht kaufen und über die Meere segeln. Du weißt, wie sehr Sunny das Meer und das Segeln liebt.“
Ich blickte auf. „Ach wirklich? Ich dachte immer, sie würde gerne Skifahren.“
„Einmal! Einmal ist sie mit ihren Freundinnen Skifahren gewesen in all Euren Ehejahren. Und sie hat es gehasst, weil sie sich dabei den Fuss gebrochen hat.“
„Oh.“
„Oh!“ Der Weihnachtsmann nickte. „Du hattest alle Möglichkeiten. Und was machst du? Setzt dich mit der Katze im Schoß auf die Bank ans Fenster und starrst den lieben langen Tag hinaus. Morgens bis Abends.“
„Aber ich mag die Katze.“
„Ja, das hat Sunny auch gemerkt.“ Der Weihnachtsmann stand auf und schaute in den Tassen nach, ob noch ein letzter Rest Glühwein in ihnen wäre.
„Weißt du“, sagte ich, „ich habe doch nur nach dem Sinn des Lebens gesucht. Ich musste mal so richtig gründlich nachdenken. So wenig Zeit im meinem Leben habe ich mit Nachdenken verbracht, das musste ich nachholen“, sagte ich verzweifelt. „Sunny ging es doch gut mit meinem Geld. So hatte ich mir immer das Ende vorgestellt. Mit der Katze auf dem Schoß in den Garten gucken.“
„Ende? Du bist grade mal Mitte vierzig.“ Der Weihnachtsmann schnaufte ungläubig.
„Fast fünfzig. Das lohnt sich doch fast gar nicht mehr, was neues anzufangen.“
„Und Sunny?“
„Wie Sunny?“
„Was ist mit ihr? Was glaubst du, wie findet sie das, dass du lieber nachdenken in den Garten starrst, anstatt mit ihr ihre Jugend zu verschwenden?“
„Du meinst, ich sollte mich mehr um sie kümmern?“
„Ja, was denkst du denn?“
„Ach, sie ist immer so viel unterwegs. Tanzen, Sport, Kino, Theater … Manchmal glaube ich sogar, sie hat was mit einem anderen Mann.“
„Und was tust du dagegen?“
„Was soll ich da tun?“
Der Weihnachstmann seufzte und zog eine Pistole aus seiner Jacke. Ich erschrak. Es war eine sehr kleine Pistole, aber ich war überzeugt davon, dass sie in den Händen dieses Weihnachtsmannes zu einer schrecklichen Waffe werden konnte.
„Was hast du vor?“, hauchte ich.
„Ihr Wunsch war eindeutig“, sagte der Weihnachtsmann.
„Du meinst, Sie hat das auf ihren Wunschzettel geschrieben?“
Der Weihnachtsmann seufzte erneut und ich senkte den Kopf.
„Vielleicht ist es besser so“, sagte ich. „So geht es schneller, als mit der Katze auf dem Schoß auf den Tod zu warten.“
„Machst du mir vorher noch einen Glühwein?“, fragte der Weihnachtsmann. Ich hob entrüstet den Kopf.
„Das ist jetzt dreist. Du willst mich erschießen und ich soll dir vorher noch was zum Saufen mit auf den Weg geben?“
„Immerhin habe ich die Waffe in der Hand.“
Ich stand auf, drückte die Brust durch und sagte: „Nein, wenn, dann tu es jetzt, Weihnachtsmann.“
„Du bist so egozentrisch!“
„Wieso das denn?“
„Wer sagt denn, dass ich dich erschießen soll?“
Ich machte große Augen. Der Weihnachtsmann stand auf und torkelte etwas.
„Wo ist das Katzenviech? Muschmuschmusch…“ Er beugte sich vor, um über den Rand zu schauen, fiel dabei aber betrunken auf ein Knie. „Autschn.“
Der Weihnachtsmann will meine Katze killen, ging es mir erschrocken durch den Kopf. Ich war starr vor Entsetzen. Schwanken stand der Weihnachtsmann wieder auf und hielt Ausschau nach der Katze. „Komm schonnn, du Viech.“ Er sah die Katze, hob die Pistole und zielte. Das kann ich doch nicht zulassen, dachte ich. Er stand schwankend am Rand, suchte fuchtelnd mit der Pistole den richtigen Winkel.
Aber …, dachte ich, er ist doch der Weihnachtsmann. Ich kann ihn doch nicht einfach …
Der rote Mann ließ die Waffe sinken und starrte mich aus blutunterlaufenden Augen an. „Starken Stoff hast du da … der Glühwein ist klasse. Mach mir noch einen klar, den nehm ich mit, wenn ich die Katze klar gemacht hab.“ Er grinste dümmlich. „Ich mag Katzen, weißt du. Aber Wunsch ist Wunsch.“ Er drehte sich wieder zur Tischkante und zielte auf die Katze, die unter ihm nichtsahnend und geduldig zu ihm heraufblickte. Sie leckte sich das Maul. Der Weihnachtsmann zielte, murmelte etwas wie „Kimme, Korn, Schuss“ und ich flitschte ihn mit den Fingern vom Tisch.
Schreien fiel der Weihnachtsmann und landete hart mit einem krachenden Geräusch auf dem Boden. Mit einem Satz war die Katze bei ihm und biss ihm den Kopf ab.
Ich versuchte, nicht auf die Schmatzgeräusche zu hören, stand auf und machte mir noch einen Glühwein warm.

Dieser Beitrag wurde unter Aktion, Allgemein, Autoren, Bücher, ebook, Literatur abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.